In einer alten Burg, in der sich die Mauern noch Geschichten aus vergangenen Tagen erzählten, lebte ein weiser Mann. Es war ein Chronist, der sein ganzes Leben damit verbracht hatte, Bücher zu lesen und bedeutsame Ereignisse festzuhalten. Er wusste wirklich eine ganze Menge: Er kannte die Namen der Könige, die alten Gesetze und die klugen Gedanken der Philosophen. Er war überzeugt, dass man in den Büchern die Antworten auf alle Fragen der Welt finden konnte.
Eines Tages klopfte jemand an die Tür seiner Bibliothek. Der weise Mann erhob sich aus seinem Sessel und ging zur Tür. Er war Besuch gewöhnt – die Menschen kamen von nah und fern zu ihm und er war stolz darauf, dass er ihnen dank seiner Bücher helfen konnte.
Dieses Mal stand jedoch ein kleines Mädchen vor der Tür. In den Händen hielt es einen Blumentopf, aus dem ein verwelktes Blümchen herausschaute.
„Guten Tag, Herr Chronist”, sagte sie schüchtern. „Die Leute im Dorf sagen, dass Sie die Antworten auf alle Fragen kennen. Könnten Sie mir bitte sagen, was mit meiner Blume geschehen ist? Ich habe sie als Andenken an mein altes Zuhause mitgebracht, als wir hierhergezogen sind. Doch sie ist ganz verwelkt und ich weiß nicht, wie ich ihr helfen kann.“ Die Augen des Mädchens füllten sich mit Tränen.
Der weise Mann nickte nachdenklich mit dem Kopf und begann, in seinen klugen Büchern zu blättern. Er schlug die Kapitel über Botanik auf, in denen viele handgezeichnete Blumen zu sehen waren. Gründlich verglich er die Abbildungen mit der Blume vor sich, um sicher zu sein, dass er die richtige fand.
Es vergingen mehrere Stunden. Die Sonne wanderte derweil über den Horizont und in der Bibliothek wurde zu dunkel zum Lesen. Der Chronist ging also mit seinem schweren Wälzer in den Burggarten…